Vom Industriedesign zur Keramik für Spitzenköche

In ihrem Atelier «Nautilus» im Herzen des Wallis fertigt Laura Maillard unverwechselbares Geschirr für einige der besten Restaurants der Romandie. Die Autodidaktin hat sich das Vertrauen der Spitzenköche erarbeitet.
Silvia Freda

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© Louis Dasselborne
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© Louis Dasselborne
© Louis Dasselborne

In den Gassen von Martigny herrscht an diesem Hochsommertag drückende Hitze. Hinter einer unscheinbaren Fassade, nur wenige Schritte von den einladenden Caféterrassen entfernt, verbirgt sich eine Keramikwerkstatt. Schon beim Überschreiten der Schwelle empfängt uns eine angenehme Kühle. Ein Glöckchen läutet. Laura Maillard, die sich im Obergeschoss befindet, kommt herunter.

Die zierliche, lebhafte Frau in Schwarz empfängt uns in ihrem Showroom. Auf den hellen Regalbrettern stehen Servierschüsseln, ein dreibeiniges Küchensieb, Schalen mit angerauter Oberfläche. Alles ist schlicht gehalten, von Hand gefertigt, matt, beige oder cremeweiss.

Ein Ort, der Ruhe ausstrahlt

Wie an einem Strand am frühen Morgen schimmert das Licht auf die zarten, sandfarbenen Nuancen. Der Ort atmet maritime Gelassenheit, ebenso wie der Nautilus. Die Weichtierart mit dem spiralförmigen Gehäuse diente als Namensgeber für diesen Ort. «Jedes Mal, wenn ich ein Stück Ton drehe, sehe ich, wie diese Spirale in meinen Händen entsteht. So kam mir die Idee.»

Bevor sie sich der Keramik widmete, entwickelte sie am Computer technische Lösungen. «Ich bin in Avignon geboren und habe Industriedesign studiert. Nach meinem Umzug in die Schweiz wurde ich an der Haute-École Arc in Neuenburg als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Bereich Anthropo-Technologie eingestellt.»

Der Vater war Tischler

Abends probierte sie zur Entspannung das Töpfern aus. «Dann lief mein Vertrag aus und ich entdeckte meine Leidenschaft für die Keramik, die schliesslich mein ganzes Leben bestimmte. Am Anfang weinte ich vor lauter Frust, weil es mir einfach nicht gelingen wollte.» Ich musste dranbleiben. «Heute gehe ich beim Töpfern genauso gewissenhaft vor wie in der Industrie.» Die Freude am Gestalten wurde ihr bereits in die Wiege gelegt. «Mein Vater war Tischler, meine Mutter malt Aquarelle.»

Sie erzählt dies im hinteren Teil des Ausstellungsraums, in dem der Ofen knapp 400 °C anzeigt. «Ich warte, bis er wieder auf Raumtemperatur abgekühlt ist. Das wird bis morgen dauern. Wenn ich die Stücke vorher herausnehme, könnten sie zerbrechen.» Sie holt ein fertiges Stück aus dem Regal. «Zuallererst achte ich auf die Textur. Sie muss Lust machen, das Produkt zu berühren.» Mit 36 Jahren beliefert die Kunsthandwerkerin etwa zehn Gourmet-Restaurants in der Romandie mit ihren Kreationen.

Eine Sammlerin von Erde und Asche

Wenn Laura Maillard spazieren geht, hat sie ihren ganz eigenen Blick für die Landschaft. Sie untersucht den Boden, kratzt an einer Böschung und steckt etwas Schluff in ihre Tasche, um es später im Brennofen zu testen. Den Ton für ihre Arbeit kauft sie jedoch fertig aufbereitet, denn eine gute Fundstelle ist schwer zu finden.

Ihre Glasuren enthalten hingegen Asche von Walliser Aprikosen-, Apfel- oder Birnbäumen. Diese verarbeitet die Keramikerin mit Handschuhen, da sie stark basisch ist und die Haut angreift. Eine Archäologin aus einem ihrer Kurse hat ihr sogar einen Beutel Erde von einer Ausgrabungsstätte in der Stadt mitgebracht. «Bei 1260 Grad ist sie geschmolzen», sagt sie und hält eine braune Scherbe hoch. Da sie auf der Töpferscheibe nicht zu gebrauchen ist, wird sie statt zu einem Teller zu Glasur verarbeitet.

Mut zahlt sich aus

Diese mussten jedoch erst auf sie aufmerksam werden. «Ich habe mehreren Restaurants eine E-Mail geschickt und ihnen meine Arbeit vorgestellt. Ausnahmslos alle haben geantwortet. Mundpropaganda und Instagram taten ihr Übriges.»

Heute arbeitet sie unter anderem für die Sterneköche Gilles Varone aus Savièse und Stéphane Décotterd vom «Maison Décotterd» in Glion. Ebenso für den Walliser Danny Baker, der im «Luciole» in La Chaux-de-Fonds vegane Küche serviert. Ihre ersten Kunden waren ihre Nachbarn im nur 50 Meter entfernten Restaurant «Les Touristes».

Christophe Genetti führt das Restaurant gemeinsam mit Maël Gross. Das im Gault&Millau mit 16 Punkten ausgezeichnete Lokal setzt auf regionale und saisonale Küche. «Manchmal entwickeln wir ein Gericht und geben dann ein massgeschneidertes Stück bei unserer Nachbarin in Auftrag. Wir schätzen ihren Stil, ihre Herangehensweise und ihre selbst hergestellten Glasuren aus der Asche regionaler Bäume.»

Bei Köchen gefragt

Seit dreieinhalb Jahren erneuert das Duo aus Martigny ein- bis zweimal pro Jahr seine jeweils aus etwa dreissig Stücken bestehende Kollektion. «Flache Schälchen für die Amuses-Bouches, tiefe Teller, die man bei einem herkömmlichen Lieferanten vergeblich sucht. Ihre schlichten Farbtöne bieten viel Spielraum. Beige, Cremeweiss und Hellgrau bringen die Farben der Speisen besonders schön zur Geltung.»

Laura Maillard weiss aus Erfahrung, was Köche anspricht. «Sie kennen die Herkunft jedes einzelnen Produkts. Geschirr aus heimischer Produktion ist da die logische Konsequenz.» Jedes Projekt entsteht aus einer ganz bestimmten Intention und Atmosphäre heraus. Sie skizziert, experimentiert, entwirft schlanke Objekte, andere mit ungewöhnlichen Formen, Wellen oder Kerben im Rand. «Ich liebe das Spiel mit den Formen.»

Ein strenges Pflichtenheft

Hinter ihren filigranen Tellern steht jedoch ein strenges Pflichtenheft. Sie müssen das richtige Gewicht aufweisen, spülmaschinenfest sein und dürfen keine grauen Spuren vom Besteck zurücklassen. «Die Gleichmässigkeit ist die grösste Herausforderung. Es ist nicht leicht, dreissig identische Stücke herzustellen», sagt sie und reicht mir eines davon.

Im Obergeschoss, wo sie das ganze Jahr über arbeitet und Kurse gibt, stellt sie sich dieser Herausforderung. «Kommt mit, ich zeig’s euch.» Mit leichtem Schritt steigt sie die Treppe hinauf. Oben angekommen eröffnet sich eine Welt aus rohen Tontürmen und -blöcken. Die Wahlwalliserin zentriert einen Tonklumpen auf ihrer Töpferscheibe, dann herrscht Stille. «Wenn ich Serien herstelle, bin ich sehr konzentriert. Dabei höre ich nichts, weder Radio noch Musik.»

Zehn Minuten später ist die Schale fertig. Es folgt eine zweitägige Ruhezeit, dann das Abdrehen, um dem Stück den letzten Schliff zu verleihen, das Trocknen und schliesslich zwei Brennvorgänge.

2016 kaufte sie sich ihre eigene Drehscheibe. Zehn Jahre später fällt es ihr immer noch schwer, sich als Keramikerin zu bezeichnen. «Manche Leute absolvieren ein langes Studium für diesen Beruf. Ich bin Autodidaktin. Ich fühle mich nicht dazu berechtigt.» Die Meister der Haute Cuisine hingegen haben nie an ihr gezweifelt. Saison für Saison vertrauen sie ihr bedenkenlos die Präsentation ihrer erlesenen Speisen an.

Warum sie nicht blaumacht

Ihre Teller enthalten kein Blau – und das ist eine bewusste Entscheidung. Um eine Glasur einzufärben, stehen verschiedene Metalloxide zur Verfügung. Eisen, Kobalt, Nickel, Kupfer, Chrom – jedes hat seine eigene Farbgebung und Wirkung. Kobalt beispielsweise sorgt für tiefe Blautöne. Bis auf Eisen handelt es sich um seltene Stoffe, die oft unter gefährlichen Bedingungen weit entfernt abgebaut werden. Laura Maillard hat sie daher aussortiert.

In ihrer Werkstatt kommen nur Eisenoxid, das aus Europa stammt und ungiftig ist, sowie einige Trübungsmittel zum Einsatz. Daher beschränkt sich ihre Farbpalette auf Beige, Weiss, Ocker und Braun, was ihrer Werkstatt den Charme eines Aquarellateliers verleiht. «Es ist nicht optimal, aber ich wollte konsequent sein. Meine Farbpalette ist begrenzt. Das zwingt mich dazu, kreativ zu sein.»

+ D’infos nautilus-ceramics.com

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