Leuk – wo Geschmack durch Sonne reift

Die Region Leuk erscheint uns vertraut. Man durchquert sie auf dem Weg zu den Schweizer Alpenpässen, erblickt die berühmten Parabolantennen und die von Weinreben überzogenen Hänge. Doch dieser Ort am Tor zum Oberwallis hat mehr zu bieten als nur spektakuläre Landschaften. Porträt eines von der Natur geformten Terroirs.
Oriane Grandjean

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Auf den ersten Blick verbindet man Leuk mit diesem Berghang, auf dem die riesigen weissen Parabolantennen in den Himmel ragen. Die «grossen Ohren» fallen bereits von der Strasse aus ins Auge. Doch kaum jemand legt hier auch nur eine kurze Pause ein. Die meisten sind auf dem Weg zu den Alpenpässen im Süden und haben es eilig. Verlässt man jedoch die Hauptverkehrsachsen, so entdeckt man eine einzigartige Landschaft mit einem ganz besonderen Klima. Leuk ist eine der niederschlagsärmsten und sonnigsten Regionen der Schweiz.

Hier scheint der Sommer länger zu dauern als anderswo. Spaziergänge werden vom Zirpen der Grillen begleitet, Feigenbäume und Eichen säumen die Rebberge. Roggenfelder verleihen dem Flickenteppich der bewirtschafteten Terrassen goldgelbe Farbtupfer, während die stattliche Silhouette des Schlosses von Leuk-Stadt über dem Tal thront.

Zwischen Rhône und Pfynwald

Zu seinen Füssen bahnt sich die noch ungezähmte Rhône ihren Weg. Wandert der Blick zur gegenüberliegenden Bergflanke, trifft er auf den Felsenkegel des Illgrabens. Dieses Tal ist ein Labor unter freiem Himmel, in dem Wissenschaftler das Verhalten von Murgängen untersuchen. Hier diktiert die Natur ihre ganz eigenen Regeln – und die Bewohner haben gelernt, sich anzupassen, um das landwirtschaftliche Potenzial dieses einzigartigen Terrains auszuschöpfen.

Er ist vermutlich das bekannteste Aushängeschild der Region: der Wein. Daher beginnen wir unsere Reise – wie sollte es anders sein? – beim Winzer. Im Herzen des historischen Ortskerns von Leuk-Stadt werfen wir einen Blick in die Weinkellerei «Vin d’Œuvre». Bei der Begegnung mit Isabella und Stéphane Kellenberger wird schnell klar, dass die Walliser Sonne nicht nur Boden und Beeren wärmt. Auch Isabellas ansteckendes Lachen und Stéphanes Herzlichkeit sind Ausdruck eines grosszügigen Terroirs.

Wein als Kunst- und Lebenswerk

Ihrem gemeinsamen Interesse am Wein ist es zu verdanken, dass sich ihre Wege während des Önologiestudiums in Changins kreuzten. Im Jahr 2013 liess sich das Paar auf diesem Weingut in Leuk nieder. «Heute bewirtschaften wir Parzellen an beiden Enden des Kantons, von Fully über Raron bis nach Visperterminen», erzählt Isabella Kellenberger. «Unsere Weinberge reichen bis auf 1000 m ü. M.»

Die äusserst sonnige Lage und die geringen Niederschläge in diesem Teil des Landes machen den Standort zu einer idealen Spielwiese für Winzer. «Es herrschen die besten Voraussetzungen. Wir haben mit zwölf Rebsorten angefangen und uns nach und nach auf zwanzig gesteigert. Die Beschaffenheit des Terroirs ermöglicht es uns, herausragende, strukturierte Weine zu keltern. Wir haben optimale Arbeitsbedingungen», betont Stéphane Kellenberger.

Der erfahrene Winzer weiss, dass dieser Arbeitsplatz Sorgfalt und Respekt verdient. Deshalb legt er grossen Wert darauf, die Gesundheit seiner Böden zu erhalten. «Lebendige Böden sind unverzichtbar. Wir arbeiten mit Gründüngung, mähen nur selten und haben schattenspendende Obstbäume gepflanzt. Diese bieten gleichzeitig Vögeln und Fledermäusen Unterschlupf, die wiederum Insekten fressen. Wir müssen die Natur, die uns umgibt, schützen.»

Besser trinken, nicht mehr

Der Weinmarkt sieht sich einem tiefgreifenden Wandel der Konsumgewohnheiten gegenüber. Doch das Ehepaar bleibt seiner Philosophie treu. «Es ist unsere Aufgabe, die Öffentlichkeit davon zu überzeugen, dass Wein nach wie vor seinen Platz hat. Man sollte nicht mehr, sondern besser trinken.» Die Auszeichnungen der letzten Jahre sprechen für sich. Zwei Goldmedaillen beim Grand Prix du Vin Suisse, eine internationale Auszeichnung für ihren Wein «Back to the Roots» aus der Rebsorte Completer sowie eine Platzierung unter den besten Weingütern der Schweiz im GaultMillau machen Vin d’Œuvre zu einem der führenden Betriebe der Schweizer Weinszene.

Für Stéphane Kellenberger entscheidet sich der Erfolg bereits im Rebberg. «Ich bin jeden Tag vor Ort. So bekomme ich ein Gespür für den Jahrgang und kann Entscheidungen so früh wie möglich treffen. Auf diese Weise kann ich noch vor der Weinbereitung viele Dinge optimieren.» Auszeichnungen allein reichen jedoch nicht aus. Um seine Weine zu vermarkten, muss das Paar aktiv auf seine Kunden zugehen. «Wir wollen unvergessliche Erlebnisse schaffen. Wir nehmen unsere Kunden mit in den Rebberg und versuchen, Emotionen zu wecken», erklärt Isabella Kellenberger. «Zudem organisieren wir in der Region verschiedene Events, die Wein und Weinanbau verbinden.»

Grüne Lese mit Potenzial

Anderer Ort, anderer Weinberg: Wir befinden uns im Tal, genauer gesagt in Salgesch, wo wir Marc Güntert treffen. Wir sind jedoch nicht hier, um über Wein zu sprechen, denn obwohl er selbstverständlich auch Wein keltert, hat sich der Winzer und Kellermeister dem Abenteuer «Verjus» verschrieben. Dieses aus unreifen Trauben gewonnene Produkt ist eine interessante Alternative zum Wein. Es kann als Ersatz für Essig oder Zitronensaft verwendet werden und ist jenseits der Saane bereits weithin bekannt. Köche, die nach lokalen Produkten suchen, schätzen den Presssaft, sodass sich Verjus nun zunehmend auch in der Westschweiz etabliert.

Zur Herstellung von Verjus werden im Juli die noch grünen Trauben geerntet. «Man pflückt sie vor der Reifephase, also bevor sie ihre Farbe annehmen», erklärt Marc Güntert. «Anschliessend werden sie gekühlt und dann gepresst, um jegliche Gärung zu verhindern.»

Der Verjus wird pasteurisiert, in Tanks gelagert und schliesslich in Flaschen abgefüllt. So entsteht ein lagerfähiges Produkt, das sich leichter verarbeiten lässt als Wein. «Das ist eine Möglichkeit, meine Produktpalette zu erweitern», erläutert der in Miège ansässige Bio-Winzer und Kellermeister, der gerade das Unternehmen ValNature übernommen hat. Bisher hatte er dem Unternehmen seine Trauben zur Herstellung von Verjus geliefert. Er fügt hinzu: «Ich wollte es auf einen Versuch ankommen lassen. Auch wenn es sich vorerst noch um ein Nischenprodukt handelt, habe ich mehrere Ideen, wie man den Verjus, insbesondere in Kombination mit Fruchtsäften, veredeln kann. Wir haben bereits Sirup und Konfitüre im Sortiment.»

Ein uralter Rebstock

Im Herzen von Leuk-Stadt steht der älteste Rebstock des Landes. Es handelt sich um die rote Rebsorte Cornalin. Einer DNA-Analyse zufolge wurde die Rebe im Jahr 1798 gepflanzt. Einige Winzer des Vereins «Vitis Antiqua» liessen Sprösslinge dieser Rebsorte veredeln und in einem Muttergarten in Leuk anpflanzen.

An diesem Gemeinschaftsprojekt, das auch Stéphane Kellenberger unterstützt, sind mehrere Winzer beteiligt, die sich für ein gemeinsames Anliegen zusammenschliessen. Dabei interagieren Wein und Kultur auf besondere Weise. Da sich die ehrwürdige Rebe vor einer Kunstgalerie befindet, darf jedes Jahr ein anderer Künstler das Etikett für den aktuellen Jahrgang des Cornalin Vitis Antiqua gestalten.

Der Roggen – regionales Erbe

Als die Sonne im Tal unerträglich wird, ist es Zeit, Höhenluft zu schnuppern. Auf nach Erschmatt! Das malerische Dorf schmiegt sich an eine Bergflanke, auf der der Roggen in sattem Gelb leuchtet. Zwischen zwei zeitlosen Kornspeichern treffen wir die Agronomin Laura Kuonen sowie Edmund Steiner, den Präsidenten des Vereins Erlebniswelt Roggen Erschmatt. Bei einem Spaziergang über die Terrassenfelder oberhalb des Dorfes erfahren wir mehr über die Getreidesorte und begeben uns auf eine Entdeckungsreise zu einem bedeutenden Stück des Walliser Kulturerbes. «Seit fast 2000 Jahren steht Roggenbrot auf den Tischen des Kantons, er ist ein Symbol der Region.»

«Bis in die 1950er-Jahre lebte jede Familie autark», berichtet Edmund Steiner. Damals wurde zweimal im Jahr Brot gebacken, um Vorräte für sechs Monate zu sichern. Doch der Bau der Strasse hinunter ins Tal und die damit verbundenen Arbeitsplätze veränderten diese Gewohnheit. Ohne den im Jahr 2003 gegründeten Verein, der die Tradition rettete, Flächen aufkaufte und das Kulturerbe somit bewahrte, wäre der Roggen längst aus der Landschaft verschwunden.

Mechanisierung selbst in Hanglagen

«Früher wurde die Arbeit von Hand verrichtet, heute ist sie mechanisiert», erklärt Laura Kuonen. Sie leitet den Botanischen Garten, der sich für den Erhalt lokaler Roggensorten einsetzt und eine vielfältige Auswahl alter Getreidesorten präsentiert. «Wir sind gerade dabei, eine Maschine zu entwickeln, die für unsere Hanglagen geeignet ist.» Anschliessend wird der Roggen nach Saint-Léonard gebracht und dort gemahlen. «Ein paar Garben behalten wir aber dennoch zurück, damit Gruppen, die den Roggen kennenlernen möchten, ihn dreschen und den gesamten Prozess hautnah erleben können.» Über seinen kulturhistorischen Wert hinaus birgt der Roggen somit auch touristisches Potenzial.

Während die Aussaat im September und die Ernte Ende Juli stattfinden, ist der andere entscheidende Moment für das Roggenbrot zweifellos das Backen, das traditionell zwischen Weihnachten und Neujahr stattfindet. Der zu diesem Anlass wieder in Betrieb genommene Gemeindebackofen wird zum Mittelpunkt des Dorfes, wenn die Einwohner nacheinander ihre duftenden, knusprigen Brotlaibe backen. Gruppen können auf Anfrage beim Verein das ganze Jahr über, unter Anleitung eines Mitarbeiters, selbst traditionelles Roggenbrot herstellen.

Ein gemeinschaftlicher Heilkräutergarten

Weiter geht es für uns nach Albinen, das zu den schönsten Dörfern der Schweiz zählt, wie ein Schild am Dorfeingang stolz verkündet. Silvia Müller erwartet uns bereits am Eingang ihres terrassenförmig angelegten Heilkräutergartens, der zum darunterliegenden Rhonetal abfällt.

Malve, Oregano, Lavendel, Ringelblume, Frauenmantel und Salbei wachsen hier Seite an Seite. Insgesamt gedeihen auf den 1500 m² des Gartens über 200 Pflanzen. Ein wahres Paradies für Schmetterlinge und Insekten. «Früher hatte jeder seinen eigenen Garten und wusste, welche Pflanzen man zur Behandlung von Beschwerden verwenden konnte. Wir versuchen, dieses im Laufe der Zeit verlorene Wissen am Leben zu erhalten.»

Hoch oben, im Reich des Bartgeiers

Der Garten ist für alle zugänglich und bietet Gelegenheit für einen erholsamen Spaziergang. Eine Holzbank im Schatten einer Birke lädt dazu ein, sich auszuruhen und die Ruhe des Ortes zu geniessen. Zudem werden Workshops ausgerichtet und die Erzeugnisse des Gartens in ausgewählten lokalen Verkaufsstellen angeboten. «Wir stellen Kräutertees und Kräutersalze her. Dank der Sonne und der trockenen Luft trocknen die Kräuter hier rasch und behalten dabei ihre schönen Farben.»

In der Ferne erheben sich die gewaltigen Gesteinswände der Gemmi, das Reich des Bartgeiers. Auf dem tiefgrünen Teppich der Weiden zeichnen sich unzählige weisse Tupfer ab. Es sind die Schwarznasenschafe, das Wahrzeichen des Wallis, die den Sommer in den Höhenlagen verbringen. In wenigen Wochen werden sie wieder zu ihren Ställen hinabgetrieben, wo sie den Winter verbringen. Auch für uns ist es an der Zeit, den Alpsommer zu beenden und mit den vielfältigen Aromen der Region im Gepäck ins Tal zurückzukehren.

Ein Paradies für Vögel

Leuk ist nicht nur für seine typischen lokalen Spezialitäten bekannt. Die Umgebung bietet auch einzigartige Lebensräume: vom Pfynwald über die Rebberge und die Mäander der Rhône bis hin zu den Felsensteppen und der Pioniervegetation, die seit dem Brand im Jahr 2003 die 300 Hektar grosse Waldfläche zurückerobert hat.

Die Region ist reich an seltenen Lebensräumen. Und die Vogelwelt steht dem in nichts nach, denn hier lassen sich äusserst seltene Arten beobachten. Dazu gehören der Bienenfresser, der Wiedehopf und der legendäre Ziegenmelker, dessen geheimnisvoller Gesang bei Einbruch der Nacht über den Hängen erklingt. In den höheren Lagen herrschen majestätische Steinadler und Bartgeier über die Gebirgszüge der Gemmi.

+d’infos leukerbad.ch

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