«Immer mehr Menschen zieht es in die Sommerfrische.»
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Ist die Suche nach Abkühlung wirklich Teil eines neuen Trends ?
Nein, das gibt es schon lange! Bereits die Römer fuhren in die Sommerfrische. Die Adligen verbrachten die Sommer in ihren Villen auf dem Land. Daher stammt auch der Begriff «Villeggiatur» für Sommerfrische. Später, besonders während der industriellen Revolution, wünschten sich die Menschen im Sommer neben Abkühlung auch bessere Luft. Die Eisenbahn vereinfachte das Reisen. Mit dem Klimawandel hat dieser Trend neue Fahrt aufgenommen. Immer mehr Menschen zieht es in die Sommerfrische. Im Sommer werden die Temperaturen im Mittelmeerraum unerträglich und selbst in Mitteleuropa ist es sehr schwierig, ein kühles Plätzchen zu finden. Der Ausdruck «Coolcation» ist sehr in Mode gekommen.
Welche Reiseziele gewinnen auf der Flucht vor der Hitze an Beliebtheit?
Einige Länder liegen im Trend. Das gilt für Länder im Norden wie Island und Finland, aber auch für die Bretagne oder für Galicien in Spanien, wo die Touristenzahlen steigen. Hier bei uns in der Nähe bieten sich Freizeitaktivitäten wie Wanderungen entlang von Suonen, Höhlenbesuche oder Gletschertouren an. Kurz gesagt handelt es sich um Reiseziele, die frische Luft versprechen und Schutz vor Hitze bieten, wie Wasserläufe, Seeufer oder Wälder.
Aber nicht alle können es sich leisten, in die nordeuropäischen Länder zu reisen, wo das Leben teurer ist.
Offensichtlich nicht und es besteht die Gefahr, dass dies Ungleichheiten verschärft. Weniger gut situierte Menschen werden mehr Probleme haben, Urlaub in einer kühlen Region machen zu können. Möglicherweise gibt es Strategien, um den Geldbeutel zu schonen, wie etwa Airbnb, Last-Minute-Angebote oder das Reisen mit dem Auto statt mit dem Flugzeug. Ich sprach von der Bretagne. Sie ist vielleicht die günstigste der kühlen Regionen. Aber die Urlaubsorte werden nicht ihre Preise senken, um Ungleichheiten zu beheben, sondern sie werden vielmehr ihre Attraktivität zu Geld machen wollen.
Welche Touristen kommen auf der Suche nach Abkühlung in die Schweiz?
Ich kann keine exakten Zahlen nennen, die diese Trends bei ausländischen Reisenden aufzeigen. Aber vor einigen Jahren hat Luzern eine Kampagne gestartet, die Touristen einmal pro Woche Regen versprach. Das war ein Verkaufsargument für Reisende aus dem Nahen und Mittleren Osten. Regen und Abkühlung gehen Hand in Hand. Aber auch immer mehr Schweizer neigen dazu, auf der Flucht vor Hitzewellen in die Schweizer Berge zu fahren. Das gilt auch für mich! (lacht) Abgesehen von einzelnen Ferienorten, die Abkühlung versprechende Freizeitideen anbieten, wird diese Strategie beispielsweise auch von grösseren Institutionen wie Schweiz Tourismus oder auch Schweizer Wanderwege verfolgt, die eine Liste von mehr oder weniger langen Wanderungen in kühlen Gefilden anbieten. Verweise auf kühle Temperaturen finden sich in zahlreichen Broschüren oder Flyern und auch auf Internetseiten.
Verbringen manche den gesamten Sommer in kühleren Regionen und kehren erst im Herbst wieder nach Hause zurück?
Da kenne ich einige, auch in Finhaut (VS), wo wir unser Feriendomizil haben. Eine Dame in unserem Haus arbeitet remote für ein Londoner Unternehmen. Der Professor einer Hochschule in Zürich arbeitet von Finhaut aus, fährt aber ein oder zwei Tage pro Woche zum Lehren in die Deutschschweiz. In den Ferienorten im Wallis gibt es mehrere Coworking-Spaces. Sogar in Finhaut ist die Gemeinde dabei, einen Coworking-Space und ein Café in einem Teil des Gemeindehauses einzurichten. Und wenn es in der Ebene zu heiss ist, oder auch einfach so, nehme ich selbst auch meinen Computer mit und mache Telearbeit vom Wallis aus.
Welche Regionen in der Schweiz gewinnen oder verlieren Besucher aufgrund der Hitze?
Auch hier gibt es keine exakten Zahlen, aber das dürfte eher auf einige Städte zutreffen, in denen es im Sommer besonders heiss wird, etwa auf Basel oder Genf.
Der Reiz der Alpen
Schweiz Tourismus verkündete im Juni letzten Jahres: «Coolcation» war das Motto des Jahres 2025. Der Trend zur «Sommerfrische» zeigt sich in der Schweiz bereits seit einigen Jahren und seit 2015 sind die Übernachtungen in den Bergen in den Sommermonaten von Juni bis August um 18,7 % gestiegen. Nunmehr werben die Reiseziele ganz direkt mit ihren angenehm kühlen Temperaturen. Der Dachverband des Schweizer Tourismus bestätigt übrigens die Anziehungskraft auf Touristen, die in ihrer Heimat am stärksten unter Hitze leiden, denn es kommen 45,9 % mehr Spanier und Portugiesen als noch vor zehn Jahren, um den Sommer in den Bergen zu verbringen.
Was sind die Vorteile für die von Natur aus «kühlen» Ferienorte?
Es stimmt, dass sie von Natur aus Glück haben. Und da der Sommertourismus im Aufwind ist, können die Bergorte den Schneemangel im Winter etwas ausgleichen. Sie entwickeln daher möglichst viele touristische Angebote für alle Jahreszeiten, wie Mountainbiking, Wandern usw. Und wir sollten nicht vergessen, dass die Schweizer ein Volk von Wanderern sind.
Kann die Tatsache, dass sich alle auf kühle Urlaubsorte stürzen, auch Gefahren bergen?
Es besteht die Gefahr, dass einige besonders kühle Regionen immer mehr Urlauber anlocken und sie dadurch zu Opfern ihres Erfolgs werden. Die Urlauberströme müssen folglich kanalisiert werden. Wie lässt sich beispielsweise Wildcampen kontrollieren? Wie lässt sich das Nebeneinander von Mountainbikern und Wanderern managen? Ebenfalls zu bedenken sind das Abfallaufkommen oder der Wasserverbrauch, denn Klimawandel ist gleichbedeutend mit Wassermangel im Sommer, insbesondere wenn viele Menschen an denselben Orten Urlaub machen.
Wie können sich die Urlaubsorte anpassen, um Abkühlung zu bieten und jene anzulocken, die sich nach moderateren Temperaturen sehnen?
Was das Marketing betrifft, so bieten viele Urlaubsorte Ideen für Freizeitaktivitäten oder für Orte, die Schutz vor Hitze bieten. Das ist für sie vielversprechend, sofern die Leute vor Ort auch Geld ausgeben. Städte könnten beispielsweise Massnahmen ergreifen, um das Phänomen der Hitzeinseln zu reduzieren. Sie müssen die Öffnungszeiten von Geschäften, Schwimmbädern, Gemeindeverwaltungen usw. überarbeiten. Sie müssen die Städte begrünen, an den Temperaturkomfort in Gebäuden denken, damit die Temperaturschwankungen in den Gebäuden weniger stark ausfallen, oder auf den Terrassen Wasservernebler installieren. In meinem Wohnort Vevey ist der Kinoeintritt für ältere Personen bei grosser Hitze kostenlos. Es gilt, sich anzupassen, sich im Vorfeld Gedanken zu machen und gleichzeitig die Emissionen weiter zu reduzieren. Dann müssten die Einheimischen auf der Suche nach Abkühlung auch nicht bis ans andere Ende der Welt reisen.
Werden zu heisse Reiseziele wie Städte beispielsweise in Zukunft immer seltener angesteuert?
Bestimmte Reiseziele im Mittelmeerraum verzeichnen bereits jetzt einen Rückgang bei den Touristenzahlen, jedenfalls in den Sommermonaten. Der Sommerurlaub am Meer wird etwas aus der Mode kommen. Vielleicht sind hier der Frühling oder der Herbst eine Option, aber es wird unweigerlich zu einer Verschiebung der Touristenhochburgen kommen.
Trossachs statt Toskana
Die Tourismusverbände der nordeuropäischen Länder haben ihr Potenzial erkannt. Viele boten im Jahr 2025 reizeit- und Urlaubsaktivitäten für einen erfrischenden Sommer. Die Internetseite «Visit Sweden» wirbt beispielsweise mit Angelurlaub, Klettertouren oder Schnorcheln im Meeresnationalpark Kosterhavet.
Laut der Nachrichtenseite «The Scotsman» rechnet Schottland bereits mit einem Zustrom von Touristen, die in diesem Sommer den Mittelmeerraum meiden. «Wir erleben einen massiven Zustrom wohlhabender amilien, die im Juli und August ihren Sommerurlaub statt in der Toskana lieber in Trossachs verbringen», erklärte der Wissenschaftler Chris Greenwood gegenüber der Zeitung.
Aber die Vergangenheit hat gezeigt, dass auch am Polarkreis Hitzewellen auftreten können, denn im Jahr 2025 kletterte das Thermometer im nordfinischen Rovaniemi auf 30 Grad Celsius. Angesichts der vielen hitzebedingten Spitaleinweisungen mussten die Behörden eine überdachte Eislaufbahn zur Verfügung stellen, um den Patienten Abkühlung zu verschaffen.

