Belle-Terre – das Wagnis einer dichten, naturnahen Stadt

In der Gemeinde Thônex wird in einem neuen Quartier eine andere Art des Städtebaus erprobt. Hier wurden die Aspekte Verdichtung, Wasserwirtschaft, Biodiversität und sanfte Mobilität gezielt für den gesamten Stadtteil konzipiert. Während die zweite Bauphase anläuft, ziehen die Anwohner und Projektbeteiligten wichtige Erkenntnisse aus diesem bewohnten Experimentierfeld.
Emilie Veillon

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© Fabio Chironi, Yves André
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© Bonnet Architectes
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Wie lassen sich mehrere tausend Wohnungen konzipieren, ohne auf Landschaft zu verzichten? In Genf erfordert die Wohnungsnot eine dichte Bebauung, während der Klimanotstand ökologisches Bauen erforderlich macht. An der Grenze zu Frankreich, in Thônex, gibt der Kanton mit dem Stadtentwicklungsprojekt «Communaux d’Ambilly» eine ehrgeizige Antwort. Auf diesem 36 Hektar grossen, ehemals landwirtschaftlichen Areal meistert der in Belle-Terre umbenannte Sektor die Herausforderung einer hohen menschlichen und pflanzli hen Dichte. Bis 2034 werden dort fast 2000 zusätzliche Wohnungen aus dem Boden wachsen. Doch noch bevor der erste Spatenstich erfolgt, bleiben Natur und Wasser die prägenden, formgebenden Elemente des Projekts.

Die Aussenbereiche dienen nicht nur der Begrünung des Areals: Sie tragen direkt zur ökologischen Funktion des Stadtteils bei.

«Die Idee entstand vor zwei Jahrzehnten, als der Kanton eine starke Urbanisierung dieses weitläufi en Landschaftsgebiets ins Auge fasste», bemerkt Yannos Ioannides, Generaldirektor für Organisation und Infrastruktur bei Comptoir Immobilier. «Das Projekt hat einen neuartigen Prozess in Gang gesetzt, der sich von der üblichen Silo-Bauweise abhebt. Stattdessen basiert er auf einer gemeinsamen Planung sowie auf Arbeitsgruppen zur Bündelung kollektiver Ideen, an denen der Staat, die Gemeinde, Landschaftsarchitekten und vier Architekturbüros (Atelier Bonnet, Jaccaud, LRS und Bassicarella) beteiligt sind. Dort werden Fragen zur Stadtplanung, Architektur, Landschaftsgestaltung, Mobilität, Energie und zum Wassermanagement gemeinsam behandelt.» Die Planer bevorzugten Gebäude mit unterschiedlichen Volumen und Platzierungen, die sich an den historischen ländlichen Ensembles der Region orientieren und Ausblicke auf die weite Landschaft bieten. Die erste Bauphase mit 670 Wohnungen wurde 2021 abgeschlossen. Das Gelände wird von einer einzigen befahrbaren Strasse durchquert, die mit der Tiefgarage verbunden ist. 90 % des Quartiers bleiben Fussgängern vorbehalten. Für Cathy Perissutti, die Präsidentin des Quartiervereins Belle-Terre, ist die Nähe zur Natur einer der grössten Vorteile des Standorts: «Wir haben eine dichte Bebauung, doch die Wohnungen bieten schöne Ausblicke auf die Grünflä hen oder die umliegende Landschaft. Der Wald und die Felder sind nur wenige Minuten entfernt.»

In Zahlen

  • 36 ha : Fläche der «Communaux d’Ambilly»
  • 660 Wohnungen : Erste Bauphase von Belle-Terre, fertiggestellt 2021
  • 2700 Wohnungen : Anvisiertes Ziel bis 2034 für das Gesamtprojekt
  • 90% des Quartiers sind Fussgängerzone
  • 3 Buslinien bedienen den Stadtteil

Wasser als zentrales Element

Eine der Innovationen von Belle-Terre spielt sich direkt unter den Füssen der Anwohner ab. Das Quartier orientiert sich am Prinzip der «Schwammstadt». Dabei wird Regenwasser nicht schnellstmöglich abgeleitet, sondern als wertvolle Ressource zurückgehalten und versickert. Diese Entscheidung ergab sich aus der besonderen Beschaffenheit des Geländes: Der Untergrund besteht vorwiegend aus Moräne und Lehm und ist nur wenig durchlässig. Bei Regen neigte das Wasser dazu, an der Oberfläche zu bleiben. «Anstatt diesen Umstand als Hindernis zu betrachten, machte ihn das Projekt zum Ausgangspunkt der landschaftlichen Strategie», erklärt der Architekt Pierre Bonnet, der auch als Chef-Stadtplaner den Masterplan entwarf. «Die durchlässigen Böden, begrünten Flächen und Rückhaltesysteme ermöglichen es, das Regenwasser auf Quartiersebene zu verlangsamen und effektiv zu bewirtschaften. Da sich die Parzelle zwischen zwei Nebenflüssen der Arve (dem Foron und der Seymaz) befindet, leitet das Quartier sein Wasser zu beiden Seiten ab.»

Dieser Ansatz ist vor dem Hintergrund des Klimawandels besonders interessant. Bei starken Regenfällen verringert der verlangsamte Wasserabfluss die Belastung der Kanalisation. In Hitzeperioden tragen Begrünung und wenig versiegelte Böden zudem zu einem angenehmeren Mikroklima bei. «Die Aussenbereiche dienen nicht nur der Begrünung des Areals: Sie tragen direkt zur ökologischen Funktion des Stadtteils bei», bestätigt der Architekt, der sich dafür einsetzt, in den nächsten Entwicklungsphasen Wasserspeicherbecken für die Bewässerung anzulegen.

Die Materialwahl offenbart jedoch die ganze Komplexität des Vorhabens: Der zur Förderung der Bodendurchlässigkeit eingesetzte Kies verteilt sich täglich ausserhalb seines vorgesehenen Bereichs. Die ersten Anwohner können dies bestätigen. «Er verteilt sich mit dem Wind bis in die Geschäfte und in die Abwassergitter. Das erschwert die Fortbewegung mit Kinderwagen, Einkaufswagen oder Trottinetts. Zudem erhöht er den Verschleiss von Veloreifen», bemängelt Cathy Perissutti. Projektkoordinator Yannos Ioannides weist diese Bemerkung keineswegs zurück. Im Gegenteil, er betrachtet diese Schwierigkeiten als Erfahrungswerte, die in die zukünftige Planung einfliessen müssen: «Einige Wege könnten insbesondere für Personen mit eingeschränkter Mobilität, für Umzüge oder Händler angepasst werden, ohne gänzlich auf die durchlässigen Flächen zu verzichten.»

Eine Parkstadt

Eine weitere grosse architektonische Herausforderung von Belle-Terre ist die Anbindung an die landwirtschaftlichen Flächen im Grossraum Genf. Das Quartier wird von breiten ökologischen Korridoren durchzogen . « Dieses Landschaftsraster wurde sehr früh in die Planung integriert. Es bildet gewissermassen das Gerüst des Quartiers, um das die Bauten anschliessend angeordnet wurden», erklärt Pierre Bonnet. Diese Streifen aus wilder Natur und extensiv genutzten Wiesen durchbrechen die Betoninseln und bieten der Kleintierfauna ökologische Kontinuität. Durch die Pflanzung lokaler und heimischer Baumarten wird sichergestellt, dass das dichte Stadtgefüge keine unüberwindbare Barriere darstellt, sondern eine einladende Brücke bildet.

Einige Wege könnten insbesondere für Personen mit eingeschränkter Mobilität angepasst werden.

Zwei weitere Bauetappen sollen bis 2030 bzw. 2034 jeweils rund 1000 zusätzliche Wohnungen schaffen. Die ökologischen Kriterien bleiben streng: Die CO2₂- Emissionen der Gebäude sollen drastisch reduziert, biobasierte Materialien wie Holz und Lehm verstärkt eingesetzt und 90 % der Wohnungen mit erneuerbaren Energien betrieben werden. Diese nachhaltige Stadt entsteht somit im Laufe der Zeit: in dem Tempo, in dem Bäume wachsen, sich die Bewohner mit dem Standort arrangieren und der Stadtteil Schritt für Schritt an Resilienz gewinnt.

Mehr Pflanzen als Bewohner

Langfristig soll etwa die Hälfte der Projektfläche der Natur vorbehalten bleiben. In der ersten Phase werden 450 neue Bäume und 3000 kleinere Pflanzen gesetzt. Diese sind zwar noch nicht gross genug, um den Nutzern bereits jetzt Schatten zu spenden, doch langfristig wird dieses Blätterdach vielfältige temperierte Bereiche für Erholung und geselliges Beisammensein bieten. Nur wenige Schritte entfernt lädt ein von den Anwohnern gepflegter Gemeinschaftsobstgarten ebenfalls zur naturnahen Erholung ein. Rund dreissig Obstbäume wurden dort gepflanzt, um landwirtschaftlichen Ertrag, Artenvielfalt und Bürgerbeteiligung zu vereinen. Der Nachbarschaftsverein von Belle-Terre vertritt in Bezug auf die nächsten Phasen des Immobilienprojekts den Wunsch der Bewohner nach gemeinschaftlich genutzten Gemüsegärten, einem Hundepark und Dachgärten auf einigen Gebäuden. Darüber hinaus sollen Gestaltungsmassnahmen ergriffen werden, die eine bessere Beschattung der verfügbaren Sozialräume ermöglichen.

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