Im Kloster nährt die Gartenarbeit Körper und Geist

In Estavayer-le-Lac (FR) pflegen die Dominikanerinnen seit mehreren Generationen einen Gemüse- und Heilkräutergarten. Heute wird dieser unter der aufmerksamen Leitung von Schwester Anne-Sophie Porret nach biologischen Anbaumethoden bewirtschaftet. An diesem Ort braucht es Geduld und Demut, um innerlich zu wachsen.
Camille Saladin
Camille Saladin
Camille Saladin
Camille Saladin
Camille Saladin
Camille Saladin
Camille Saladin

Beim Flanieren durch die engen Gassen der Altstadt von Estavayer-le-Lac stösst man unweigerlich auf die mittelalterlichen Stadtmauern. Hinter ihnen verbirgt sich ein Garten, der seit Jahrhunderten gepflegt wird und nur wenigen Auserwählten zugänglich ist. Schwester Anne-Sophie ist die derzeitige Hüterin dieses Zufluchtsortes. Anmutig und gut gelaunt empfängt sie uns in ihrer makellos weissen Nonnenkutte und führt uns über eine Hintertür in ihr grünes Juwel.

Lauch, Kürbis, Zucchetti, Artischocken, Tomaten, Gurken, Salat, Zwiebeln, Kartoffeln, Bohnen, Rüben, Mangold, Kohl, Radieschen und Knoblauch wachsen hier dicht an dicht. Der Eingang führt durch einen in vier separate Beete unterteilten Heilkräutergarten. Sie sind für den Anbau von Kräutertees (Melisse, Minze, Eisenkraut und Salbei), Gewürzkräutern (Thymian, Rosmarin, Estragon und Schnittlauch), Heilkräutern (Johanniskraut, Ehrenpreis und Engelwurz) sowie anderen Küchenkräutern wie Liebstöckel, Sauerampfer und Safran vorgesehen.

Paradies und Selbstversorgung

Hier und da machen sich Lupinen und Wegerich zwischen den Anbauflächen breit. Entlang der jahrhundertealten Mauern gesellen sich in der Ebene darüber Johannisbeer-, Maulbeer- und Cassissträucher zu Feigenbäumen und Weinreben. Überall entlang der Wege und Beete sorgen Rosen, Tagetes, Kosmeen, Gilias und Flieder mit ihren bunten Farbtupfern für Abwechslung im Grün. Etwas weiter hinten, im Obstgarten, ragen die Bäume über einer blühenden Wildblumenwiese in den Himmel.

Die Präsenz der Dominikanerinnen ist zwar ab dem Jahr 1316 belegt, wann genau den Ordensschwestern das angrenzende Schlossgrundstück übertragen wurde, ist jedoch nicht bekannt. Im 17. Jahrhundert waren sie bereits in dessen Besitz. «Dieser Garten ist unser kleines Paradies. Er wurde sicherlich von Anfang an als Gemüsegarten bewirtschaftet, und das seit nunmehr drei Jahrhunderten.»

Das ehemalige Château de Savoie

Der Klostergarten befindet sich auf dem Gelände einer ehemaligen Burg der Savoyer. Von der einst auf den Stadtgräben errichteten Ringmauer sind noch Teilstücke sichtbar. Zudem sind zwei mittelalterliche Türme erhalten geblieben, darunter der imposante Tour de Savoie, der die im 13. Jahrhundert erbaute Festung bekrönte. Aus jener Zeit sind lediglich die Spuren der Zugbrücke noch zu sehen. Ob das Schloss systematisch abgerissen wurde oder dem unaufhaltsamen Zahn der Zeit zum Opfer fiel und schliesslich einstürzte, ist nicht bekannt.

Die Nonnen legten Garten- und Spazierwege an und nutzten das Grundstück so effizient wie möglich, um sich eigenständig mit Lebensmitteln zu versorgen. Dies ist heute aufgrund fehlender Arbeitskräfte nicht mehr umsetzbar. «Wir sind zehn Schwestern hier vor Ort, und viele von ihnen sind bereits betagt. Ich bin für die Pflege des Gartens zuständig. Eine andere Schwester kümmert sich um die Obstbäume.» Die saisonale Arbeit im Garten hält sie vom Frühjahr bis zum Spätherbst drei bis vier Stunden pro Tag und fünf Tage die Woche auf Trab – eine klösterliche Teilzeitstelle sozusagen.

Als Schwester Anne-Sophie vor etwa zehn Jahren die Verantwortung für den Garten übernahm, nutzte sie die Gelegenheit, um einige Neuerungen einzuführen. «Ich habe alles umgestellt: keine chemischen Düngemittel und Pestizide mehr, stattdessen Fruchtfolge, Mischkulturen und das Mulchen, wofür wir unsere zerkleinerten Äste verwenden. Das spart Wasser.» Bei ihrer Arbeit kann sie auf die Unterstützung ihrer Vorgängerin zählen. Die 86-jährige Schwester, die zuvor für die Grünflächen zuständig war, leistet weiterhin ihren Beitrag, indem sie sich um die Setzlinge kümmert.

Die Umstellung auf den biologischen Anbau ist jedoch recht zeitaufwendig. «Natürliche Behandlungsmethoden sind nicht immer die wirksamsten. Man muss sie regelmässig wiederholen.» Von Schädlingen bis hin zu Krankheiten gibt es zahlreiche Herausforderungen, die mitunter entmutigend sein können. Aber auch hier steht Schwester Anne-Sophie nicht alleine da. «Seit einiger Zeit werde ich von einer engagierten und dynamischen Freiwilligen unterstützt, die alles möglich macht. Sie wurde uns vom lieben Gott zum richtigen Zeitpunkt geschickt», freut sich die Nonne.

Ein verheissungsvoller Frühling

Jede Jahreszeit bringt ihre eigenen, mal mehr und mal weniger erfreulichen Aufgaben und Veränderungen mit sich. «Ich liebe es, im Frühling zu pflanzen. Das hat etwas Verheissungsvolles. Alles blüht, ist gepflegt und schön. Und nachdem man den ganzen Winter überwiegend drinnen verbracht hat, kann man es kaum erwarten, endlich loszulegen.» Die Saison ist jedoch kurz. Schon im Juni beginnt die Erntezeit. Um der Sommerhitze zu entgehen, wird die Gartenarbeit in die Morgenstunden verlegt. Die zunehmende Vegetation erschwert die Pflege (Unkraut jäten und regelmässiges Bewässern), während andere gemeinnützige Aufgaben die verfügbare Zeit der Gärtnerinnen beschränken.

Je nach Ertrag deckt der Garten ein Drittel des Bedarfs der Ordensgemeinschaft an Obst und Gemüse. «Beim Salat können wir uns zu 80 Prozent selbst versorgen», fügt die Schwester hinzu. «Bei Obst – Äpfeln, Birnen, Pflaumen, Kirschen – sieht es weniger rosig aus. Das gibt es immer nur zu ganz bestimmten Zeiten – oder, wenn wir es geschenkt bekommen.»

«Der Garten ist ein Spiegelbild unseres spirituellen Lebens. Es gibt Dinge in uns, die Früchte tragen, und
es gibt Schädlinge und Parasiten.»

Dabei faszinieren die Nonne nicht nur die praktischen Aspekte der Gartenarbeit, sondern allen voran ihre spirituelle Dimension. Sie sieht in ihr eine Parallele zum inneren Wachstum des Glaubens. «Der Garten ist ein Spiegelbild unseres spirituellen Lebens. Es gibt Dinge in uns, die Früchte tragen, und es gibt Schädlinge und Parasiten. Das Ergebnis hängt von der Arbeit ab, die wir leisten, aber nicht ausschliesslich. Manche Dinge entziehen sich unserer Kontrolle und erfordern Demut. Wir müssen offen sein für das, was kommt.»

Wenn die Nonne die Wurzeln von Giersch oder Ackerwinde aussticht, vollzieht sie diese Handlung auch im Geiste: Sie schafft Platz für das, was sie wachsen lassen möchte, indem sie die Keime dessen entwurzelt, was ihr schaden könnte. In der Hoffnung auf eine reiche Ernte.

In Zahlen

300 Jahre, das Alter des Klostergartens.

180 m2 Gemüseanbaufläche.

40, die Anzahl der Bäume im Obstgarten.

4 Stunden Gartenarbeit täglich, fünf Tage pro Woche.

Icône Boutique Icône Connexion