Ein Blick in verborgene Gärten
Sein Stück Natur verwurzelt ihn im Hier und Jetzt
Didier Emery wohnt in Crissier (VD), in einer kleinen grünen Oase mitten in der Stadt. Als er das Haus kaufte, übernahm er einen verwilderten Garten. Inzwischen ist aus dem Wildwuchs ein friedlicher Rückzugsort entstanden.
Zwanzig Gehminuten vom Bahnhof Renens (VD) entfernt, macht sich das beharrliche Gemurmel der Umgehungsautobahn Lausanne-West über dem Stadtteil breit. Zwischen den Sozialwohnungsblöcken von Préfontaine und den unscheinbaren ökologischen Ausgleichsflächen erhebt sich hier ein kleines Villenquartier, das im urbanen Gefüge grüne Akzente setzt.
Als Didier Emery das Haus damals kaufte, übernahm er einen bereits seit Jahren verwilderten Garten. Zunächst entfernte er die grossen, alles überwuchernden Büsche, dann legte er einen Gemüsegarten an und pflanzte Rosen in den unterschiedlichsten Farben. Ihnen widmet er sich jeden Samstag. Mit Hilfe von Freunden wurde zudem ein Teich ausgehoben. Wenige Monate später staunte Didier Emery nicht schlecht, als er dort Molche und Libellen antraf. «Als wir die richtigen Bedingungen geschaffen hatten, kehrte das Leben zurück.»
Auf dem Grundstück wachsen Artischocken, Kürbisse, Kartoffeln, Mangold, Randen, Kohlrabi, Zucchetti, Stangenbohnen, Radiesli und Wintersalate im Überfluss. «Ich konnte sogar meine eigenen Oliven ernten.» Er ist dankbar für die reichen Erträge seines Gartens, mehr noch aber für die Ruhe, die er ihm schenkt. «In diesem Stück Natur bin ich ganz im Hier und Jetzt.» Ein Jetzt, in dem er regelmässig den Boden lockert, die Natur beobachtet, Pflanzen bewässert und sich am erdigen Duft erfreut, der vom Kompost aufsteigt.
Eine Pflanze
«Die Cassisbeere. Mein Vater war ganz verrückt danach. Sie erinnert mich immer an meine Kindheit. Ebenso wie Bitterkirschen. Bittere Geschmacksnoten mag ich sehr.»
Eine Tätigkeit, eine Jahreszeit
«Die Erde umzugraben bedeutet für mich, Licht ins Dunkel zu bringen. Man sieht das Leben im Boden und versteht, wie er beschaffen und besiedelt ist. Die bearbeitete Oberfläche hat eine ausgesprochen ästhetische Wirkung. Es entsteht etwas Konkretes. Bei meiner Arbeit im sozialen Bereich konnte ich nicht immer sehen, wie sich die Dinge entwickeln.»
Ein kleiner Dschungel gegen neugierige Blicke
Benoît Antilles beschaulicher Kokon befindet sich mitten in der Innenstadt von Sitten (VS). Sein neu gestalteter Balkon schirmt ihn von der Aussenwelt ab. Hier kann er seine Seele baumeln lassen.
Eine Pflanze
«Ich liebe Rosensträucher, weil sie wunderschön sind und dem Garten intensive Farben verleihen. Ebenso wie der Lavendel, der viele Insekten anlockt.»
Eine Tätigkeit, eine Jahreszeit
«Der Pflanzenschnitt! Aber ich mag auch alles andere: das Giessen, das Einpflanzen, das Einkaufen gehen, um neue Pflanzen auszusuchen. Es fällt mir sehr schwer, mich einzuschränken.»
Von Wildwuchs und tiefer Bewunderung
Um die Bodenhaftung nicht zu verlieren, bewirtschaften Hermine Vouga und Michel Goy ihren Garten in Clarens (VD) mit viel Hingabe. Sie sind stolz auf ihre kleine Gemüseproduktion. Doch auch Rückschläge gehören immer wieder dazu.
Oberhalb von Clarens (VD), mit herrlichem Blick auf den Genfersee, grenzt das beschauliche Wohnviertel an ein Schloss aus dem 15. Jahrhundert. Über einen abschüssigen Weg, im Schatten alter Bäume, führen ein kunstvoll geschmiedetes Eisentor und eine Steintreppe zu einem ruhigen, zeitlosen Rückzugsort, an dem es an nichts fehlt.
Michel Goy ist Zimmermann. «Wir leben in einem digitalen Zeitalter. Die Erde mit den eigenen Händen zu bearbeiten, hilft dabei, nicht die Bodenhaftung zu verlieren. Das ist unser persönliches Heilmittel.» Für den Naturfreund bietet der Garten einen Raum der Erholung und der Kreativität. «Für uns war es am Anfang nur ein Experiment. Aber irgendwann wurde uns bewusst, dass wir jeden Tag hierherkamen.» Gemeinsam mit seiner Partnerin, der Psychologin Hermine Vouga, erweckte er ein altes, von Gestrüpp überwuchertes Grundstück aus dem Dornröschenschlaf. Sie schaffen Platz, jäten, pflanzen, gestalten und finden Stück für Stück zu einer harmonischen Mischung aus Gemüse- und Ziergarten. Auf den Beeten, die sie täglich hegen und pflegen, wachsen nebeneinander Kabis, Karotten, Paprika, Salat und Auberginen. Das Ergebnis zahlreicher Versuche. «Misserfolge gibt es immer wieder. Aber vor allem ist da die tiefe, nahezu kindliche Bewunderung für alles, was wächst.»
Im Laufe der Jahre ist der Garten zu einem Refugium für Vögel geworden. Wendehälse, Meisen, Baumläufer und Zilpzalps fühlen sich hier wohl. Die Arbeit im Garten, die Ernte und die Ästhetik des Ortes bereiten dem Paar tagtäglich Freude. «Wir schaffen Stimmungen. Wir suchen nach dem richtigen Mass zwischen Loslassen und Eingreifen.»
Eine Pflanze
«Ich liebe Pflanzen, die sich selbst ausäen, wie Mohn, Fingerhut oder Ringelblumen», sagt Hermine Vouga. «Diese freigiebige Seite der Natur berührt mich.»
Eine Tätigkeit, eine Jahreszeit
«Ich schaffe gerne Platz, damit sich die Pflanzen frei entfalten können und nicht unter Konkurrenz oder Überwucherung leiden», erklärt Hermine Vouga. «Ich mache Platz, lockere die Erde und helfe ihnen auf diese Weise. Ich gestalte auch gerne Beete und putze sie hier und da aus. Ich schätze das organisierte Chaos. Zu streng angelegte Gärten sind nichts für mich.»
Ein Kleinod zwischen alten Gemäuern
Dominique Fournier lebt in Sitten (VS) in einem alten Gebäude aus dem 16. Jahrhundert. Der pensionierte Arzt hat das Anwesen gemeinsam mit seiner Frau liebevoll renoviert und den Garten angelegt – einen Ort, an dem er «alles um sich herum vergisst».
In der Altstadt von Sitten (VS) winden sich gepflasterte Gassen vorbei an ockerfarbenen Häusern mit historischen Fassaden. Weiter oben, auf den gleichnamigen Hügeln, thronen seit mehreren Jahrhunderten die Basilika von Valère und das Schloss von Tourbillon über der Landschaft. In dieser mittelalterlichen Kulisse verbirgt sich eine grüne Oase: Im Schutz einer imposanten Edelkastanie laden zwischen Steinmauern verborgene Gärten zu Ruhe und Besinnung ein.
Von diesem geheimen Winkel der Altstadt ahnt man nichts, denn hier erstreckt sich ein vor neugierigen Blicken geschützter Garten. Das Gebäude aus dem 16. Jahrhundert wurde nach dem grossen Brand von 1788, bei dem die gesamte Stadt verwüstet wurde, wieder aufgebaut. Für Dominique Fournier war es Liebe auf den ersten Blick. «Meine Frau und ich haben all unsere Ersparnisse in die Renovierung dieses Ortes gesteckt – aus Liebe zum Alten.» Der Garten bildet da keine Ausnahme und der mittlerweile pensionierte Arzt stöbert gerne in alten Aufzeichnungen. «Früher waren hier Ziegen, Schweine und Kaninchenställe untergebracht. Man lebte völlig autark in einer eigenen kleinen Welt.» Heute ist der u-förmig angelegte Innenhof sein Rückzugsort, an dem Kräuter, einige Gemüsesorten, eine Trauerweide und ein paar Obstbäume wachsen. Ihr Ertrag erfüllt ihn mit Dankbarkeit. «Wenn ich mich hier mit einem Buch, etwas Brot und Käse niederlasse, vergesse ich alles um mich herum.» Bis auf einen Heckenzaun und eine automatische Bewässerungsanlage ist in diesem Garten von der Moderne kaum etwas zu spüren. Er bietet hingegen reichlich Platz für Bienen, Besinnlichkeit und die Vorstellungswelt des 16. Jahrhunderts.
Eine Pflanze
«Ich liebe Obstbäume, denn sie erinnern mich an meine Kindheit. Der grosse Kirschbaum trägt köstliche Früchte. Ausserdem bereiten wir jedes Jahr Zwetschgen zum Einfrieren vor, die wir dann später zu Kuchen verarbeiten.»
Eine Tätigkeit, eine Jahreszeit
«Im Frühling sieht man, wie sich die Früchte entwickeln. Man richtet wieder alles her und das macht mir Freude. Die Natur ist uns geschenkt, aber wir haben auch Pflichten ihr gegenüber. Meine liebste Jahreszeit ist jedoch der Herbst. Die besondere Stimmung ist unbeschreiblich.»
